heute möchte ich euch eine Erzählstruktur vorstellen, die sich stark von der uns so vertrauten 3-Akt Struktur unterscheidet - Kishōtenketsu. Ursprünglich aus China stammend entwickelten die Japaner eine besondere Vorliebe für diese Art des Geschichtenerzählens. Nun denkt man sich vielleicht: Ja gut, dann sind es eben vier und nicht drei Akte, was soll's? Aber so einfach ist es nicht. Um Kishōtenketsu zu verstehen, werde ich mit einem kleinen Exkurs zur Erzählkultur starten.
Westliche Erzählkultur
Die 3-Akt Struktur ist uns so vertraut, dass wir kaum darüber nachdenken. Zurückzuführen ist diese Art des Geschichten Erzählens vor allem auf der Literatur der alten Griechen wie Homer und Aristoteles, deren literarische Philosophie auf den Prinzipien des Stoizismus und der Romantik basieren.
Was heißt das?
Laut der Stoa bedeutet das Leben Leiden, welches ohne Klage ertragen werden sollte, um über sich selbst hinaus zu wachsen und zu Selbsterkenntnis zu gelangen.
Die Romantik ist eine Weltanschauung, welche die Betonung auf die Vorherrschaft des Einzelnen legt. Jeder ist seines Glückes Schmied und sollte mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versuchen dieses zu erreichen.
Nach diesen Vorstellungen hat der Mensch das Recht die Welt nach seinem Willen zu gestalten und das, was er aufgebaut hat, gegen alle Widrigkeiten zu verteidigen - der Stoff aus dem Helden gemacht sind: Der Held zieht aus, stürmt die Burg, erschlägt den Drachen und erobert die Prinzessin.
Japanische Erzählkultur
Der Fokus liegt nicht auf den Heldentaten des Einzelnen, sondern auf Harmonie und dem Willen die Familie und Gemeinschaft nicht zu beschämen. Jeder einzelne ist ein Teil des großen Ganzen, dem er sich unterzuordnen hat. Man tut etwas nicht, weil es richtig ist oder funktioniert, sondern weil die Gemeinschaft dies tut oder einfordert. Andernfalls würde man Schande über die Gemeinschaft bringen. Die Welt wird hier nicht als Preis gesehen, den es zu erobern gilt und dem Willen des Einzelnen unterworfen wird. Stattdessen unterwirft die Welt mit ihrem Willen die Menschen. Der Einzelne hat keine Wahl und der Kampf dagegen bringt nur Schande über die Gemeinschaft.
Diese Philosophie prägt die japanische Kultur und ihre Art Geschichten zu erzählen. Während in westlichen Geschichten der Protagonist seine Welt verändert, ist es in japanischen Geschichten die Welt, welche den Protagonisten beeinflusst und vor sich her treibt. Dem Protagonisten bleibt nur zu reagieren und mit der neuen Situation klar zu kommen.
Was macht Kishōtenketsu aus?
Kishōtenketsu ist ein Prozess, kein Ziel.
Westlich erzählte Geschichten versuchen zielgenau Plotpunkte zu treffen. Bei einem gut geschriebenen 120 Minuten Blockbuster kann man auf eine beliebige Minutenzahl vorspulen und direkt den entsprechenden Plotpunkt zuordnen. Das gleiche funktioniert auch bei vielen Romanen. Geschichten erzählt nach Kishōtenketsu sind da etwas schwammiger. Kishōtenketsu spielt mit der Erwartung der Leser. Es geht darum, den Protagonisten durch einen Entdeckungsprozess zu führen, sodass der Leser ständig wissen will, wie es nun weitergeht.
In Kishōtenketsu geht es nicht darum Konflikte zu überwinden. Stattdessen wird die Welt des Protagonisten durcheinander gebracht, um zu beobachten, wie der Protagonist darauf reagiert.
Während westliche Geschichten von den Wünschen, Zielen und der Motivation des Protagonisten vorran getrieben werden, wird bei Kishōtenketsu die Geschichte oft vom Antagonisten und seinen Zielen bestimmt. Die Motivation des Protagonisten spielt nur eine untergeordnete Rolle. Wichtiger ist, wie er auf den von außen ausgeübten Druck reagiert.
Die Vier Akte
Ki (umfasst 12,5% der Geschichte): Einleitung - der Protagonist und sein Alltag werden vorgestellt
Shō (umfasst 50% der Geschichte): Entwicklung - der Protagonist wird weiter charakterisiert und das Worldbuilding vertieft. Es besteht ein großer Unterschied zum zweiten Akt der 3-Akt Struktur. In der 3-Akt Struktur steht der Moment, der die Richtung der Geschichte verändert (Inciting Incident) am Anfang des zweiten Aktes - der Protagonist verlässt seine vertraute Welt und stürzt sich ins Abenteuer. Im Kishōtenketsu liegt dieser Moment am Ende des zweiten Akten bzw. zu Beginn des dritten Aktes.
Ten (umfasst 25% der Geschichte): Twist - eine überraschende Wendung, die alles, was bisher geschah, in Frage und auf den Kopf stellt. Es ist der Moment, bei dem die Geschichte eine andere Richtung einschlägt. Denkt groß in diesem Akt. Fragt euch, was die größtmögliche Wendung in diesem Moment sein könnte und legt noch eine Schippe drauf.
Ketsu (umfasst 12,5% der Geschichte): Abschluss - Die Figuren müssen das, wofür sie in den ersten beiden Akten standen mit der schockierenden Enthüllung im dritten Akt in Einklang bringen und sich damit auseinander setzen, was sie gelernt haben. Es geht nicht zwangsläufig darum, dass der Protagonist den Tag rettet. Tatsächlich ist das eher untypisch für traditionelles Kishōtenketsu. Stattdessen muss der Protagonist damit klar kommen, was geschehen ist. Es ist üblich den Protagonisten in einem Gefühl der Spannung zurück zu lassen und nicht alle Handlungsfäden aufzulösen. Das wirkt auf westliche Leser oft recht unbefriedigend. Oft endet Ketsu mit einer Moral, ähnlich den antiken Fabeln oder hebt die Tugenden hervor, die das zentrale Thema der Geschichte waren.
Beispiele
Im Folgenden habe ich noch drei Beispiele für euch, um Kishōtenketsu etwas greifbarer zu machen. Denn Kishōtenketsu ist auch in unseren Breiten gar nicht mehr so exotisch, wie man annehmen möchte. Mangas und Animes werden sehr häufig nach Kishōtenketsu erzählt und so hat diese Erzählstruktur quasi incognito bereits Einzug in unsere Bücherregale gehalten.
Großer Spoileralarm natürlich an dieser Stelle

Your Name - Anime
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The promised Neverland - Anime, Folge 1
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Ah My Goddes - Anime, Folge 1
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Kishōtenketsu für Nebencharaktere in der westlichen 3-Akt Struktur
Eine interessante Anwendung von Kishōtenketsu ist es, den Plot von Nebenfiguren als Kishōtenketsu zu verstehen. Die Kraft, welche die Nebenfiguren durch die Geschichte treibt, ist in diesem Fall der Protagonist und den Nebenfiguren bleibt in der Regel nicht viel anderes übrig, als auf die neu entstehenden Umstände zu reagieren.
So, das war es erst einmal von mir. Wie sieht es bei euch aus? Habt ihr schon einmal von Kishōtenketsu gehört oder eine Geschichte auf diese Art geschrieben? Wie sind eure Erfahrungen?
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