Korruption und Fall - Die Wandlung zum „Bösen“

Einklappen
X
Einklappen
 
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge
  • Rhagrim
    Moderator
    • 03.09.2023
    • 539
    • Staring down the Abyss

    Korruption und Fall - Die Wandlung zum „Bösen“

    Die beiden Charakter Arcs „Corruption Arc“ und „Fall Arc“ thematisieren die negative Wandlung eines Charakters. Weil ich das Thema in Geschichten, wie auch im echten Leben so faszinierend finde, wie „gute“ Menschen „böse“ bzw. in ihren Ansichten und Mitteln einfach "extrem" werden, hab ich recherchiert und mir darüber Gedanken gemacht – die ich hier mal mit euch teilen möchte. (Ich beschäftige mich hier nicht direkt mit dem Aufbau der Character Arcs, sondern mit der darunterliegenden Psychologie der Wandlung).
    Quellen verlinke ich am Schluss. Ich freue mich über eure Ansichten und Erfahrungen dazu 🙂
    Also.

    1) Die Grundeinstellung oder „Ich bin ein guter Mensch!“
    Grundsätzlich möchten die meisten Menschen von sich glauben, dass sie gute Menschen sind – und unser Hirn hilft uns unbewusst ganz von selbst, dieses Weltbild durch Selbstrechtfertigungen und subjektiver Wahrnehmung aufrecht zu erhalten. (Ausnahmen bestätigen natürlich die Regel, wie z.B. Psychopathen & Co., aber das ist ein Thema für sich.)
    Wenn also die Mehrheit der Menschen von sich selbst glaubt, dass sie grundsätzlich gut und im Recht sind, was ist dann „böse“? Ich behaupte, wir tendieren dazu, dass wir Menschen als „böse“ wahrnehmen, die im Grunde Furcht oder Abscheu in uns auslösen – und beides kann getriggert werden, wenn „die Anderen“ für etwas steht, das unseren moralischen Wertvorstellungen, Überzeugungen und unserem Selbstbild grundsätzlich entgegensteht, und dieses im Schlimmsten Fall bedroht.
    Bsp.: Fans von Fußballmannschaft A gegen Fans von Fußballmannschaft B, Wissenschaftler vs. Esoteriker, Skeptiker vs. Verschwörungstheoretiker, Geimpfte vs. Ungeimpfte, Rechts gegen Links, uvm.
    Dabei macht es keinen Unterschied, ob und wie gut begründete Argumente die „Gegenseite“ bringt – sie sind in der eigenen Wahrnehmung „der Feind“, „die Anderen“, oder welches dehumanisierende Label man ihnen auch verpasst, um ihre Abwertung zu rechfertigen und ihre Argumente aus Prinzip zu entwerten und verwerfen zu können, ohne sie anhören oder gar ernst nehmen zu müssen.
    Immerhin könnten sie damit das eigene Welt- und Selbstbild bedrohen, die eigene Wahrheit hinterfragen und zu einem Bruch mit den Mitgliedern der eigenen Gruppe führen, von denen sie anerkannt und geschätzt werden wollen.

    Eines der besten Beispiele ist meiner Meinung nach Mao Zedong während der chinesischen Kulturrevolution, in der bis zu 55 Mio, Leute starben.
    „Nicht die richtige, politische Gesinnung zu haben, ist, als hätte man keine Seele.“ Seine Worte. Er sah sich selbst als den Auserwählten, der das kommunistische Utopia schaffen würde und alle, die dieser Vision entgegenstanden, „Imperialisten“, „Rechte“, „Reaktionäre“, „Konterrevolutionäre“, Han-Leute“, etc. gehörten in seinen Augen nicht zum „Volk“, sondern galten als „Feind“ und mussten vernichtet oder „umerzogen“ werden.
    Wenn man Utopia erschaffen will, so die Begründung, rechtfertigt das natürlich die Vernichtung all der bösen, rückständigen Menschen, die so einem noblen Ziel entgegenstehen und durch ihren sturen Widerstand allen anderen Menschen die Erlösung verwehren.

    Ein anderes, schreckliches Beispiel sind die Nazis, deren Rechtfertigung für den Holocaust im Grunde das Motiv der „Heilung“ war, da sie die Juden nicht "nur" als minderwertig sahen, sondern als „Krankheit“, die es zu vernichten galt, um Volk und Land zu retten.

    Wenn man so etwas *wirklich* glaubt – Retter, Heiler, Beschützer zu sein – und dabei die „Anderen“ nicht nur als „böse“ und „moralisch verwerflich“, sondern als nicht einmal menschlich, als Krankheit, als Bedrohung, als nicht lebenswert erachtet, dann wird es mit einem Mal sehr leicht, einserseits die eigene moralische Überlegenheit und andererseits die Vernichtung bzw. Unterdrückung der „Anderen“ zu rechtfertigen.
    Als Menschen streben wir nach Glück, nach Bedeutung, nach Zugehörigkeit und einer Aufgabe.

    Allerdings wird kaum jemand von heute auf morgen vom tötungsscheuen Rekruten zum Massenmörder, oder vom idealistischen Freiheitskämpfer zum gnadenlosen Tyrannen. Es ist ein Pfad von 10.000 kleinen Schritten, von denen jeder einzelne dich über deine moralischen Grenzen hinaus führt und diese nach und nach erweitert, indem du jedes mal aufs Neue gezwungen bist, dein Gewissen zu verraten und deine Entscheidung zu rechtfertigen.

    2) Die Wandlung, oder die Frage nach dem „Wie?“

    In seinem Buch „The Righteous Mind” beschäftigt sich Jonathan Haidt mit dem Thema, woher Moral kommt und wie und durch welche Faktoren der Mensch sie im Laufe seines Lebens entwickelt.

    Eine der großen Grundannahmen des Buches ist:
    Zuerst kommt immer das intuitive, moralische Urteil – der Verstand kommt danach, um dieses zu begründen und zu rechtfertigen.

    Deswegen sind auch kluge Menschen nicht etwa gefeiter davor, „falsche“ Entscheidungen zu treffen – sie sind lediglich besser gerüstet, um diese zu rechtfertigen.
    In ihrem Buch „Mistakes were made – but not by me” stellen die Autoren Tavris und Aronson das Konzept der Entscheidungspyramide vor, das ich persönlich als so hilfreich empfinde, dass ich es hier gerne vorstellen möchte.
    Klicke auf die Grafik für eine vergrößerte Ansicht  Name: Entscheidungspyramide.jpg Ansichten: 0 Größe: 68,2 KB ID: 263


    Was ist kognitive Dissonanz?
    Spoiler: Text anzeigen/verbergenKognitive Dissonanz bezeichnet das unangenehme Gefühl, das entsteht, wenn Glaubenssätze und das eigene Verhalten nicht zusammenpassen, sodass ein Konflikt zwischen dem Selbstbild und der Realität entsteht.
    Das klassische Beispiel wäre, dass eine Person raucht, obwohl sie weiß, dass rauchen schädlich ist. Die Dissonanz, die zwischen ihrem Selbstbild als verantwortungsvolle Person, die sich selbst nicht schaden möchte und der Tatsache, dass sie halt aber raucht, entsteht, kann auf zwei Arten gelöst werden: Aufhören zu rauchen, oder das Rauchen rechtzufertigen. Zum Beispiel, indem es verharmlost wird ("manche rauchen wie ein Schlot und werden trotzdem 90!"), oder andere Ausreden gesucht werden ("andere trinken dafür und sitzen den ganzen Tag, ICH mache Sport und ernähre mich gesund! Das gleicht das definitiv aus!")
    Kognitive Dissonanz kann v.a. auftreten, wenn man z.B:
    • durch sozialen Druck zu Verhalten gezwungen wird, das den eigenen Überzeugungen widerspricht
    • wenn man neue Information erhält, die deinen Überzeugungen widersprechen oder dir gar aufzeigen, dass du jemandem geschadet hast
    • Wenn man vor einer Entscheidung steht, deren Optionen gleichermaßen ansprechend wirken - sodass die getroffene Entscheidung im Endeffekt dann erst recht gerechtfertigt werden muss, um sich zu versichern, dass man richtig entschieden hat


    Die Entscheidungspyramide geht davon aus, dass Menschen – solange sie einem Thema relativ neutral gegenüberstehen – auf der Spitze der Pyramide stehen.

    Beispiel: Zwei Personen werden gefragt, was sie davon halten, zu betrügen. Beide meinen, dass es zwar nicht gut ist, aber vorkommt, aber sie haben keine starke Meinung dazu.
    Beide kommen in die Situation, eine Prüfung ablegen zu müssen, die für ihr weiteres Leben ausschlaggebend ist und beide bekommen die Chance, ihren Erfolg durch eine kleine Schummelei zu garantieren.
    Die Entscheidung zu betrügen, oder nicht zu betrügen, ist der erste Schritt von der Spitze der Pyramide und wird vom Hirn sofort gerechtfertigt, um die kognitive Dissonanz zu beseitigen, die womöglich entsteht. Im Falle des Betrügers womöglich, dass „eh die meisten schummeln und sich einen Vorteil verschaffen, wenn man ihnen die Gelegenheit gibt – also warum sollte er der Dumme sein und das nicht nutzen?“
    Im Falle des ehrlichen, v.a. falls er den Test nicht besteht, „Zu betrügen ist falsch und wer sich so seine Positionen erkämpft, hat sie nicht verdient!“
    Hier entsteht die erste Abwertung und Abneigung gegenüber der „anderen Seite“, die gleichzeitig die eigene Position zementiert und die Chance verringert, diese nochmal zu hinterfragen und womöglich einen Fehler einzugestehen.
    Jede kleine Entscheidung in diese Richtung, bringt einen einen Schritt weiter die Pyramide hinab – und dabei einen Schritt weiter von dem Gegenpol weg, welcher sich als Spiegel des nicht eingeschlagenen Weges regelrecht zum „Feind“ entwickeln kann, dessen Überzeugungen, Ansichten und Gründe von Grund auf falsch und „böse“ sind – weil sie sonst eine existenzielle Gefahr für das eigene Selbstbild und die eigene „Wahrheit“ darstellen könnten.
    Wahrheit spielt in diesem Punkt kaum mehr eine Rolle, weswegen sich die wenigsten, die die Pyramide weit genug hinabgestiegen sind, noch mit rationalen Argumenten erreichen lassen.

    Menschen sehnen sich mehr nach Beständigkeit und Sicherheit, als nach Wahrheit und ihr Selbstbild und ihr Ruf sind ihnen von größerer Bedeutung, als die tatsächliche Realität. Außerdem umgeben Menschen sich eher mit Gleichgesinnten, welche dieselben Überzeugungen und Ansichten teilen (Echo Chamber), sodass sie sich darin gegenseitig bestärken und ein Gefühl von Zugehörigkeit, Bedeutung und moralischer Überlegenheit entwickeln, die sie an die Gruppe bindet – und gleichzeitig für alles und jeden blind macht, der dieser Überzeugung entgegengeht.
    Die „andere Seite“ dabei abzuwerten und zu dehumanisieren ist ein essenzielles Mittel, um die eigenen Taten zu rechtfertigen, selbst wenn diese Schaden zufügen und um gleichzeitig das Selbstbild eine gute, moralische Person zu sein, aufrecht zu erhalten.

    Beispiele
    Es gibt ein spannendes Experiment, in dem Versuchspersonen gebeten werden, Testpersonen für falsch beantwortete Fragen einen Stromschlag zu versetzen. Jene Versuchspersonen, die von vornherein aufgefordert wurden, einen lebensgefährlichen Stromschlag zu versetzen, haben entsetzt abgewiesen. Jene, die mit kaum spürbaren Stromschlägen (die, um sie zu beruhigen, vorher an ihnen selbst durchgeführt wurden und kaum mehr als ein unangenehmes Brennen waren) begonnen haben, waren bereit, nach und nach immer stärkere Stromschläge zu verabreichen und manche machten auch am Ende vor dem lebensgefährlichen Bereich nicht halt.
    Sie rechtfertigten es zunächst mit „es tut kaum weh“, später mit „selbst Schuld, wenn die Person zu dumm ist, um es zu verstehen!“ und „Ich befolge nur Anweisungen von dem Forschungspersonal – SIE sind verantwortlich.“

    Das Stanford Prison Experiment ist auch ein gutes Beispiel, wie schnell Menschen unter den „richtigen“ Umständen die Pyramide hinabsteigen, um sich in dem Fall innerhalb kürzester Zeit von neutralen Mitmenschen zu feindseligen „Wärtern“ vs. „Gefangenen“ zu werden.

    Das Buch „Ganz normale Männer“ beschreibt all die kleinen Schritte einer Einheit deutscher Soldaten im zweiten Weltkrieg, die sich von „ganz normalen Männern“ zu kaltblütigen Massenmördern entwickelten. Ihnen wurde anfangs von ihrem Kommandanten die Entscheidung gewährt, dass sie gehen konnten, wenn sie sich nicht zu diesem Einsatz imstande fühlten.
    Die Entscheidung, ihre Kameraden nicht im Stich lassen zu wollen und nicht als Feigling dazustehen, war dabei der erste von den vielen Schritten, der diese Männer zu Mördern machte.

    Die Entscheidungspyramide kann auch den Weg eines jungen, idealistischen Politikers illustrieren, der sich für unbestechlich und gerecht hält. Die Arbeit zwingt ihn dazu, mit Firmen, Lobbyisten, Experten etc. in Kontakt zu kommen. Zunächst nur ein harmloses Werbegeschenk, dann eine Einladung für ein berufliches Essen, bei dem er sich nichts denkt und das er aus Höflichkeitsgründen auch nicht ablehnen möchte. Er will niemanden vor den Kopf stoßen. Man lernt sich kennen, Gespräche werden vertrauter. Ein kleiner, persönlicher Gefallen hier, ein kleines "Investment" dort. Dann, irgendwann wird er gebeten, seine Politik nur ein bisschen an die Bedürfnisse seiner Lobby-Freunde anzupassen - es schadet ja nichts, sagt er sich, und es wäre schade, sie nach all den netten Einladungen für so eine kleine Bitte zurückzuweisen und zu brüskieren.
    Wo war der erste Schritt von der Spitze der Pyramide zur Korruption?

    3) „Warum?“

    Warum? Was bringt Menschen dazu, die Pyramide ins Extrem hinabzusteigen und sich dort zu verlieren? Nun, Gründe gibt es viele, aber ich versuche mich mal an einer grundlegenden Zusammenfassung einiger wichtiger Punkte:
    1. Tragödien/Krisensituationen:
      Kriege, Katastrophen, Unfälle, Krankheit oder Verluste sind einschneidende Erlebnisse, die einen traumatisieren, und zu drastischen Entscheidungen zwingen können, die nicht mit dem eigenen Gewissen übereinstimmen. Selbst wenn die Situation selbst vorüber ist - sie hinterlässt Spuren in der Persönlichkeit, kann zu Verrohrung, Depressionen, PTSD uvm führen.
    2. Armut:
      Der Kampf ums Überleben, in dem Moral und Ethik durch die schiere Verzweiflung, den Hunger, die Verwahrlosung, die Einsamkeit und die womöglich schiere Gleichgültigkeit der Mitmenschen zu "Wohlstandsproblemen" verkommen, absterben, oder vielleicht gar nicht erst entwickelt werden können.
    3. Sucht:
      Abhängigkeit von Drogen und anderen Suchtmitteln können Menschen auch grundlegend verändern und zu Taten bewegen, die sie sonst eigentlich womöglich nicht in Betracht gezogen hätten.
    4. Missbrauch:
      Emotionaler, psychischer, körperlicher Missbrauch hinterlässt nicht nur Spuren, sondern kann durch das erlittene Trauma die Persönlichkeit des Menschen zutiefst erschüttern. Vor allem, wenn man durch Rückzug und Scham vielleicht in Einsamkeit versinkt, oder Hass und Rachegefühle aufkommen.
    5. Enttäuschung:
      Sei es der Verrat von vermeintlichen Freunden, ein betrügender Partner, Zurückweisung, oder die Enttäuschung über einen idealisierten Menschen, der sich als Betrüger entpuppt. Umso mehr man diesen Personen zuvor zugetan war, desto entschiedener wendet man sich dann vielleicht von ihnen ab.
    6. Furcht:
      Vor Krankheit, Tod, Krieg, Schmerz, Einsamkeit... davor, nicht genug zu sein, oder verlassen zu werden. Davor, öffentlich bloßgestellt zu werden. Davor, eine geliebte Person zu verlieren. Wovor auch immer wir Angst haben, kann uns ab einem gewissen Leidensdruck dazu drängen, dieser um jeden Preis entkommen zu wollen.
    7. Gruppendruck, Zugehörigkeitswunsch:
      Wir Menschen sind soziale Wesen. Wir sehnen uns davor, beachtet und geliebt zu werden und zu einer Gruppe zu gehören. Für Wunsch nach Konformität und Zugehörigkeit sind wir vielleicht bereit, gegen unser eigenes Gewissen zu handeln, um nicht von ausgerechnet denen verachtet oder ausgestoßen zu werden, deren Anerkennung wir uns wünschen.
    8. Stolz & Ansehen:
      Wir haben ein Bild von uns selbst, ein Ideal, wie wir sein möchten. Wird dieses, oder unsere Kompetenz, unser Charakter, unsere Ehrlichkeit, was auch immer, in Zweifel gezogen, ist es schwer, sich dazu zu bekennen und zu etwaigen Fehlern zu stehen - vor allem öffentlich. Das Gesicht muss gewahrt werden.
    9. Moralische Überlegenheit:
      Wenn wir von unserer Rechtschaffenheit und der Richtigkeit unserer Meinung absolut überzeugt sind und die "Anderen" in unserem Kopf zu gesichtslosen dummen, inkompetenten, faulen, rückständigen, rücksichtslosen, bösartigen Wesen entmenschlicht werden, ist es leicht, selbst schlimme Taten rechtzufertigen.
    10. Ideologie:
      Bildet das beste Fundament für moralische Überlegenheit, indem sie dieser einen Rahmen gibt, einen Sinn und eine Richtung, und eine gemeinsame "Sache", für die die Anhänger derselben Ideologie kämpfen können. Ich denke, dass Ideologie einem gewissen Idealismus zugrunde liegt, der früher oder später in der Realität und den ihr gesetzten Grenzen seinen größten "Feind" entdecken wird.
    11. Reichtum und Macht:
      Wer alles hat und niemandem Rechenschaft schuldig ist - wer für seine Taten kaum Konsequenzen zu fürchten hat, kann durchaus über Zeit den Bezug zur Realität verlieren. Menschen brauchen Grenzen, um soziale Kompetenzen zu lernen, und ein Gespür dafür zu entwickeln, was richtig und was falsch ist. Sie brauchen Grenzen, um zu lernen, auf andere Rücksicht zu nehmen und dazu ist es wichtig, mit den Konsequenzen des eigenen Handelns und des eigenen Verhaltens konfrontiert zu werden. Wer keine Grenzen kennt und niemandem Rechenschaft schuldig ist, für den gibt es nur ihn, seine Wünsche, seine Bedürfnisse - ohne dass er dabei einen Gedanken an irgendjemanden sonst oder gar an die Konsequenzen seines Handelns denken muss.

    6 Fundamente der Moral
    Jonathan Haidt stellt 6 Grundpfeiler der Moral vor, die jene Bereiche umfassen, die sich in der Gesellschaft ursprünglich entwickeln mussten, um ein kooperatives, gemeinschaftliches Miteinander zu ermöglichen. Wir Menschen reagieren besonders sensibel auf diese Bereiche, da sie unsere grundlegenden, moralischen Überzeugungen ansprechen und wir dadurch besonders emotional auf sie reagieren.
    1. Fürsorge vs. Leid verursachen:
      Selbst junge Kinder scheinen instinktiv zwischen helfendem und verletzenden Verhalten unterscheiden zu können und letzteres als falsch zu emfpinden. Menschen sind im Grunde darauf geprägt, zu helfen und andere nicht zu verletzen. Diese moralische Grundfeste macht uns empfindsam auf Anzeichen von Leid und Hilfsbedürftigkeit und lässt uns negativ auf Grausamkeit und schädigendes Verhalten reagieren.
    2. Fairness vs. Betrug:
      Diese moralische Grundfeste scheint sich entwickelt zu haben, damit Menschen bei der Zusammenarbeit in Gruppen gerecht belohnt - und nicht ausgenutzt werden. Sie hilft uns zwischen ehrlichen und hinterlistigen (Arbeits)partnern zu unterscheiden und lässt uns negativ auf Betrüger reagieren.
    3. Loyalität vs. Verrat:
      Seit jeher konnte es für das Überleben von Bedeutung sein, sich auf seine Gruppenmitglieder verlassen zu können. Loyalität und Gemeinschaftssinn werden geschätzt und belohnt, während wir aggressiv oder gar rachsüchtig auf jene reagieren, die unser Vertrauen enttäuschen und uns oder unsere Gruppe/Familie/etc. verraten.
    4. Authorität vs. Untergebene:
      Gemeinschaften sind meist in sozialen Hierachien geordnet. Dementsprechen begreifen wir intuitiv Anzeichen und Verhalten von Rang und Status und wir bewerten das anständige oder unanständige Verhalten der Personen, gemessen an ihrem von uns wahrgenommenen Status.
    5. Reinheit vs. Beschmutzung / Heiligkeit vs. Schande
      In allen Kulturen finden sich moralische Richtlinien, die Reinheit/Befleckung bzw. Heiligkeit/Schande betreffen. Körper-, Hygiene- und Nahrungsgebote triggern unseren Ekel bzw. den Drang nach Sauberkeit und dienen unter anderem z.B. dazu Seuchen zu vermeiden oder begrenzte Produkte wie Lebensmittel nachhaltig in der Gesellschaft zu verteilen.
    6. Freiheit vs. Unterdrückung
      Diese moralische Grundfeste dürfte sich als Antwort auf die Herausforderung entwickelt haben, in kleinen Gruppen zusammenzuleben, in der einzelne Individuen die Gelegenheit nutzen würden, andere zu unterdrücken, zu bedrängen, und sie einzuschränken.Alles, was aggressives, unterdrückendes Verhalten einer Autoritätsperson signalisiert, kann bei dem, der es erlebt zu einer sog. Reaktanz führen (dem Gefühl, etwas umso mehr machen zu wollen, wenn eine Autoritätsperson befiehlt, es *nicht* zu tun).


    Quellen und interessante Links zum Thema:

    Media
    Youtube Interview: The Psychology of Evil People
    Youtube: Unrighteous - Villain Therapy, Frollo from the Hunchback of Notre Dame
    Spotify Podcast: Carol Tavris on Mistakes, Justification and Cognitive Dissonance
    Spotify Podcast: Jonathan Haidt on the Righteous Mind

    Bücher
    Caroll Tavris, Elliot Aronson - Mistakes Were Made (but Not By Me) Third Edition: Why We Justify Foolish Beliefs, Bad Decisions, and Hurtful Acts
    Jonathan Haidt - The Righteous Mind: Why Good People are Divided by Politics and Religion
    Robert Jay Lifton - Losing Reality: On Cults, Cultism, and the Mindset of Political and Religious Zealotry

    Links
    What is Cognitive Dissonance?
    What is a Cognitive Bias?
    How Othering Contributes to Discrimination and Prejudice
    Zuletzt geändert von Rhagrim; 16.09.2023, 21:02.
    “No tree can grow to Heaven unless it’s roots reach down to Hell.”
    - C.G. Jung
  • Yamuri
    Kaffeejunkie
    • 04.09.2023
    • 449

    #2
    Ich würde tatsächlich die Todsünden mit aufnehmen: Neid (ich beobachte, dass sehr viele Menschen sofort neidisch sind, wenn ein anderer hat, was sie nicht haben), Missgunst (manche fangen an, denjenigen, die etwas haben, was sie nicht haben, dies dann zu missgönnen), Gier (viele Menschen streben, nach höher, besser mehr und dort angekommen, muss es noch mehr werden), Maßlosigkeit (ist im Grunde eine Weiterführung der Gier, die aber auch in Verschwendungs umschwenken kann, wohingegen die Gier auch leicht zum Geiz wird), Wollust (die Übersexualisierung unserer Zeit - Sex ist als Mittel zur Fortpflanzung gedacht und dafür sollte es verwendet werden, bewusst mit der Intention Nachkommen zu zeugen, aber der Mensch hat es zu einem Trend erhoben und shamed Menschen, die sich bewusst gegen Sexualität entscheiden), Stolz (Menschen haben verlernt sich für ihre Fehler zu entschuldigen und sind oft zu Stolz zuzugeben, wenn sie etwas falsch gemacht haben oder aber sie sind zu stolz um um Hilfe zu bitten und beschweren sich im Nachhinein, dass sie es so schwer haben), Trägheit (könnte man ggf. auch als Unbeweglichkeit deuten, ein Verharren in alten Mustern und Strukturen, die man längst als überholt erkannt hat und krankmachend, aber es nicht schafft sich daraus zu lösen aus Bequemlichkeit und Resignation).

    Diese sieben sogenannten Todsünden würde ich als ursächlich für den Abstieg in der Pyramide sehen.
    Zuletzt geändert von Yamuri; 17.09.2023, 06:46.

    Kommentar

    • Aidan
      Moderator
      • 03.09.2023
      • 361

      #3
      Ich stimme euch beiden zu, nur nicht ganz beim Sex, Yamuri. Ich glaube schon, dass die Sexualität weit mehr ist als Fortpflanzung, aber was die Auswüchse angeht, die in unserer Gesellschaft sind, stimme ich dir voll und ganz zu. Wobei - vielleicht ist das Wort Sex für den Aspekt, an den ich dabei denke, einfach nicht das richtige Wort. Gelebte Sexualität kann etwas heiliges sein.

      Was auf jeden Fall nicht in Ordnung ist, das ist das Shaming gegenüber den Menschen, die keinen Sex wollen, unabhängig davon, warum das so ist. Jeder sollte seine Sexualität frei ausleben können, solange es im Einvernehmen mit allen Beteiligten ist und niemandem schadet, ohne jemanden herabzuwürdigen, der andere Bedürfnisse hat.

      Kommentar

      • Yamuri
        Kaffeejunkie
        • 04.09.2023
        • 449

        #4
        Ja, da stimme ich dir zu Aidan. Vielleicht bräuchte man da wirklich einen anderen Begriff. Es gibt ja glaub ich im Indischen dieses Tantra-Yoga, ah ich weiß grade nicht wie das heißt, aber es gibt eine Yoga Form bei der es auch um Sexualität und gelebte Sexualität als etwas Heiliges geht, wodurch das Ganze fast schon einen rituellen Charakter hat. Es ist ein bewusstes sich dem anderen zuwenden und nicht ein, wie kann man das nennen wollüstiges Verhalten. Insofern denke ich, dass Wollust als Begriff für die negative Ausprägung vielleicht ganz gut passt, weil Wollust ja auf dieses Übertriebene Element Bezug nimmt, was schon Richtung Sucht geht. Wohingegen ein sich auf seelischer und körperliche Ebene vereinigen durchaus einen besonderen Charakter haben kann.

        Kommentar

        Lädt...